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Nur das Beste für die Zucht?


von Irene Sommerfeld - Stur


"Nur das Beste ist gut genug für die Zucht" - ein Satz den man immer wieder als Selbstverständnis und Qualitätsdeklaration von Züchtern hört oder liest. Und der auch auf den ersten Blick absolut legitim und sinnvoll erscheint. Aber wie schaut es auf den zweiten Blick aus. Sollten wirklich nur die besten Hunde für die Zucht verwendet werden?

Da wäre zunächst die Frage zu klären, was genau ist denn "das Beste". Sind das die Hunde, die Ausstellungen gewinnen, sind das die Hunde, die Leistungsprüfungen gewinnen, sind das die Hunde die in den vorgeschriebenen Screeninguntersuchungen negativ befundet werden, also die entsprechenden Krankheiten nicht tragen, oder sind das die Hunde, die alle diese Kriterien erfüllen
oder sind das die Hunde die einfach sozialverträgliche angenehme Pets sind.

Und selbst wenn man das grundsätzlich geklärt hat ist immer noch die Frage wo man denn die Grenze des "Besten" setzt. Sind das nur die CACIB- Hunde oder sind das alle V-Hunde oder auch die Sg-Hunde, sind das nur die Sieger von Leistungsprüfungen oder alle, die eine solche Prüfung erfolgreich abgelegt haben, sind das nur Hunde, die niemals in irgendeiner Weise aus dem Rahmen fallen, niemals ihre Besitzer ärgern also die Engelchen in Person. Oder darf ein Zuchthund auch mal jemanden anknurren oder mal was klauen oder vielleicht sogar auch mal in die Wohnung pinkeln?

Es gibt in der Tierzucht den Fachbegriff der sogenannten Remontierungsquote. Darunter versteht man den Anteil an Zuchttieren, die mindestens zur Zucht verwendet werden müssen um die Population zu erhalten. Werden weniger Tiere in der Zucht eingesetzt, als die Remontierungsquote vorsieht, kommt es zu einer Verkleinerung der Population und zu einer Verringerung der genetischen Varianz, und damit unweigerlich zu einem Anstieg des Inzuchtniveaus mit allen negativen Folgen.

Die primäre Frage sollte also zunächst mal lauten: Wie viele Zuchttiere brauche ich um die Größe der Population und die genetische Varianz in der Population zu erhalten. Und die nächste Frage ist dann erst, welche Tiere verwende ich bzw. wo setze ich die Grenze für die Selektion.

Dazu kommt in der Hundezucht das Problem, dass gar nicht alle "besten" Hunde (in welche Sparte auch immer) in der Zucht eingesetzt werden können. Sei es, dass die Besitzer nicht züchten wollen, dass sie nicht die Möglichkeit haben zu züchten, dass sie nicht bereit sind sich den Mühen von Ausstellungen und Zuchtuntersuchungen auszusetzen etc.. So dass es sicherlich viele sehr gute Hunde gibt, die für die Zucht schlichtweg nicht zur Verfügung stehen.

Und dann gibt es eben noch den ja allgemein bekannten Punkt dass "nobody perfect ist", das gilt für Menschen und für Tiere gleichermaßen und damit auch für Hunde. Und so kann es eben sein, dass der mehrfache Ausstellungssieger ein aggressives Nervenbündel ist, der wunderschöne CACIB-Hund eine Stoffwechselerkrankung hat oder der mehrfache Leistungsprüfungssieger ein Stehohr hat wo er ein Kippohr haben sollte. Das gleichzeitige Auftreten von nur positiven Merkmalen bei einem Hund ist somit, wenn überhaupt möglich, sehr selten und wenn man nun tatsächlich die Forderung stellt, dass nur das "Beste gut genug ist für die Zucht" dann reduziert man den Zuchteinsatz auf diese ganz wenigen Tiere. Und dann ist es immer noch möglich, dass eines dieser Tiere unbemerkt ein Defektgen trägt, dass dann den Rest der geschrumpften Population auch noch vernichtet.

Wo liegt also die Lösung?

In erster Linie im Erhalt der Population und dem Erhalt der genetischen Vielfalt der Population. Und dann in einer angemessenen Gewichtung und Priorisierung der Zuchtziele.

Das kann rasseeinheitlich erfolgen oder aber von Züchter zu Züchter etwas unterschiedlich. So wird der eine Züchter in erster Linie auf das Wesen achten und kleine Schönheitsfehler tolerieren, ein anderer wird in erster Linie auf den Formwert achten und Leistungsmängel vernachlässigen und der dritte wird in erster Linie die Leistungsfähigkeit berücksichtigen und dafür den einen oder anderen sonstigen Fehler in Kauf nehmen.

Wenn die Züchter gescheit sind, werden sie aber alle die Gesundheit der Hunde bzw. auch solche Merkmale, die für die Gesundheit Bedeutung haben, am höchsten gewichten.

Praktisch kann man eine solche Selektionsstrategie über die sogenannte "Indexselektion" abwickeln. Das ist ein in der landwirtschaftlichen Nutztierzucht sehr bewährtes Verfahren, das für jedes potentielle Zuchttier einen Indexwert berechnet, der sich aus den individuellen Merkmalswerten, die jeweils mit einem merkmalsspezifischen Gewichtungsfaktor multipliziert werden, errechnen lässt. Der große Vorteil dieses Verfahrens ist, dass Tiere, die Schwächen in einem Merkmal haben, diese durch Stärken in einem anderen Merkmal kompensieren können. Damit bleiben "gute Gene" in der Population auch wenn sie beim einzelnen Tier mit weniger guten Genen kombiniert auftreten.

Wichtig bei diesem Ansatz ist eine sinnvolle und überlegte Gewichtung der einzelnen Merkmale. Besondere Beachtung sollte dabei der "Krankheitswert" eines Merkmales haben. Das ist die Bedeutung, die ein Merkmal für die Gesundheit, die Lebenserwartung und die Lebensqualität eines Hundes hat.  So selbstverständlich das klingen mag, so wichtig ist es immer wieder darauf hinzuweisen. Denn gerade in der Hundezucht werden Merkmale von rein optischer Bedeutung oft wesentlich höher
gewichtet als Merkmale mit Krankheitsrelevanz. Der berühmte "weiße Fleck" an einer unzulässigen Stelle hat sicherlich schon häufiger zu einem Zuchtausschluss eines Hundes geführt als ein ungünstiger HD-Befund. Aber auch Befunde von vorgeschriebenen Screeninuntersuchungen oder sonstigen tierärztlichen Untersuchungen sollten in Hinblick auf ihren Krankheitswert kritisch betrachtet werden. Nicht jeder Befund, der von der Norm abweicht, bedeutet dass der betreffende Hund wirklich krank ist.

Und so lässt sich die Forderung dass nur das "Beste gut genug ist für die Zucht" umwandeln in die Forderung "das was für die Population am besten ist sollte in der Zucht eingesetzt werden". Und das ist nach meinem Verständnis jeder Hund, der grundsätzlich dem Rassestandard nahe kommt, keinen schwerwiegenden Exterieur- oder Wesensfehler hat und der gesund ist.

http://www.sommerfeld-stur.at/

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